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Corona-Diskurs @UR

Die Hilflosigkeit setzt sich fort …

Der gemeine Jurastudierende sitzt wie jeden Samstagmorgen an seiner Probeklausur für das Erste Staatsexamen und stößt auf ein „Problem“ – also eine strittige Frage, die rechtlich nicht ganz geklärt ist. Nachdem er sich freut, das Problem überhaupt als solches erkannt zu haben, sinniert er über dessen Lösung.

„Egal, für was Sie sich entscheiden, Sie müssen es nur gut begründen“,

erinnert er sich an die Worte seiner ProfessorInnen. Der Studierende kramt also drei bis vier Meinungsstände zum Erlaubnistatbestandsirrtum aus dem hintersten Aktenschrank seiner Gehirnwindungen hervor und zwängt sie in eine schöne Reihenfolge. Am Ende wählt er oder sie den klausurtaktisch sinnvollsten Weg, ohne das Problem je als ein reales betrachtet zu haben.

Eine solche reale Betrachtung verdient indes jede juristische Meinungsverschiedenheit (mit Ausnahme einiger weniger, doch sehr gekünstelter Streitigkeiten), denn für unseren Prüfling mag erstmal nur eine „runde Klausur“ auf dem Spiel stehen; einem Angeklagten droht je nach Entscheidung des oben genannten Streits jedoch etwas ganz anderes.

Auch beim Thema Corona darf und soll jeder abwägen, sich eine Meinung bilden. Im Gegensatz zu der manchmal abstrakt wirkenden Prüfungswelt wird hier schnell deutlich, dass eine Abwägung ganz essentiell und unabdingbar ist. Einfach ist das an dieser Stelle aber genauso wenig.

Unser armer Studierender beendet schließlich seine Klausur, zieht vom Schreibtisch auf die Couch um und öffnet seine zeitonline-App. 20 neue Artikel. Von „[b]ange[n] Erwartungen an die EU-Konjunktur“1https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-05/eu-konjunkturprognose-wirtschaft-corona-krise bis zu „[u]nsere[n] unsichtbaren Toten“2https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/corona-epidemie-opfer-covid-19-infizierte-verstorbene-leid-sichtbarkeit  ist alles dabei. Der Studierende trauert mit den Familien, die einen Angehörigen verloren haben. Er leidet mit seinen Großeltern, die Angst davor haben, einkaufen zu gehen oder Bus zu fahren. Und dann vermisst er seine Freunde, die Uni, den Alltag. Er fürchtet die wirtschaftlichen Konsequenzen, die dem Land drohen. So viele Menschen, so viele persönliche Schicksale und so viel Ungewissheit. Er brüht eine große Tasse Kaffee auf und setzt sich nochmal an seinen Schreibtisch. Er kramt seinen Notizblock hervor und schreibt in großen Lettern darauf: Wie soll ich mich verhalten?

Am Anfang jedes gut vertretenen Standpunktes steht die Meinungsfindung. Erst nach umfassender Beschäftigung mit dem Problem ist die Auseinandersetzung mit anders Denkenden möglich und guten Gewissens durchführbar. Das Zeitunglesen mag dabei schon ein guter erster Schritt sein, der jedoch stets von einem zweiten, dritten und vierten gefolgt sein sollte. Denn Medien aller Art können interessant und aufschlussreich sein, doch auch sie vermögen unsere Verwirrung und Überforderung nicht vollends zu beseitigen; in vielen Fällen schaffen sie vielmehr das Gegenteil (s.o.). Von Fake News und Massenbeeinflussung wollen wir gar nicht erst anfangen.

Damit ist jedenfalls einmal eine solide Grundverwirrung gestiftet worden. Wie geht es also weiter? Viele Artikel oder Nachrichtenbeiträge schneiden große, bedeutsame Themen nur an. Dieser Anschnitt kann durch die Lektüre von Büchern vertieft werden. Dort setzen sich AutorInnen seitenweise mit dem auseinander, worüber JournalistInnen nur wenige Seiten zu verfassen imstande waren. Diese Diskrepanz mag in vielen Fällen schon dazu beitragen, unsere Überforderung etwas einzudämmen.

Was wäre aber das Lesen eines dicken Wälzers ohne das darauffolgende Zwiegespräch? Der Austausch über das Gelesene stellt neben der Möglichkeit, mit seinem Wissen zu prahlen den nächsten wesentlichen Schritt zur Meinungsfindung dar. Denn man erhält Rückmeldung, ob sie einem nun gefällt oder nicht. Dieser Schlagabtausch gibt uns erstmalig die Chance, den medialen Input am lebenden Objekt bestätigt oder eben widerlegt zu wissen. Die Menschen, mit denen wir uns umgeben, prägen uns und so prägt uns auch deren Reaktion auf die von uns bereitgestellte Information. Sofern sich nicht jede Faser unseres Seins gegen deren Haltung sträubt, dürfen wir uns von ihnen durchaus ein Stück weit beeinflussen lassen.

Letztlich sollten wir unseren Standpunkt aber niemals formulieren, ohne wenigstens einmal darüber nachgedacht zu haben, wie wir selbst denn zu den einzeln gesammelten Informationen und zu dem Thema als Ganzem stehen. Es ergibt sich immerhin meistens eine gewisse Tendenz, die uns der moralische Teil unserer selbst vorgibt und anhand derer wir doch meistens eine Meinung zu bilden imstande sind.

Der Studierende zeichnet endlich einen Pfeil unter seinen Vierschritt und schreibt „Ergebnis“. Dann überlegt er eine Weile. Zwar mag er damit von jetzt auf gleich noch kein eindeutiges Richtig oder Flasch in Bezug auf die durchgeführten Maßnahmen und die coronabedingten Umstände für die Gesellschaft für sich gefunden haben; feststeht für ihn aber das Folgende:

Wichtig ist vor allem, sich (unvoreingenommen!) zu informieren und vielen verschiedenen Gedankenströmen zumindest eine Chance zu geben. Unabdingbar ist auch die Konfrontation mit Familie und Freunden. Denn sie sind es ja, mit denen wir unser Leben verbringen, insofern zählt auch ihre Meinung. Unter keinen Umständen sollte man dabei das berühmte Bauchgefühl ignorieren; auch dieses hat neben wissenschaftlichen und sozialen Aspekten seine Berechtigung. Bei alledem kommt es aber nicht darauf an, sich unwiederbringlich einer bestimmten Meinung anzuschließen und auf dieser dann zu beharren, einfach damit man einen eindeutigen Standpunkt vertreten kann. Vielmehr kann und darf man seine Meinung auch mal ändern, denn es ändert sich doch ständig allerlei. 

Schade, dass dieser Vierschritt im Jurastudium so selten gangbar ist, weil dafür die Zeit fehlt. Den Streitigkeiten des Rechts scheint der Studierende allzu häufig mehr oder weniger hilflos ausgesetzt zu sein.

Aber immerhin hat er es in seinem Leben selbst in der Hand, sich durch Information, Reflektion und Diskussion ein eigenes Bild zu machen.

Damit trinkt er seinen Kaffee leer und lässt es für den Tag gut sein.
Dass er über das Problem nicht richtig nachgedacht hätte, kann er sich jedenfalls nicht vorwerfen lassen.

 

 

 

↑ 1. https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-05/eu-konjunkturprognose-wirtschaft-corona-krise
↑ 2. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/corona-epidemie-opfer-covid-19-infizierte-verstorbene-leid-sichtbarkeit