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Corona-Diskurs @UR

Wieso ist das Gespräch über Corona oft so emotional? Der psychologische Erklärungsversuch eines Physikstudenten.

In einer Diskussion zwischen Befürworter (Karl) und Gegner (Wolfgang) der Regierungsmaßnahmen wird häufig die Prämisse aufgestellt, dass Medien und Politiker entweder ihre Arbeit nicht sorgfältig genug erledigen oder uns sogar bewusst belügen. Für den Befürworter Karl ist das völlig ausgeschlossen. Schließlich schädigten die Politiker damit die Wirtschaft ihres eigenen Landes und das wäre ja niemandem dienlich. Vor allem wäre das auch unrealistisch, wenn man außerdem die wirtschaftserhaltenden Interessen kapitalistischer Lobbyverbände mit in Betracht zieht. Zusätzlich müsste es dazu eine riesige Masse an Journalisten geben, welche sich alle dafür entschieden hätten gegen die Bevölkerung zu handeln. Eine Verschwörung solchen Ausmaßes oder solch ein kollektives Versagen wären nicht geheim zu halten und damit extrem unwahrscheinlich. Für Wolfgang sind solche Mutmaßungen entweder Teil des eigenen Weltbildes oder Wolfgang glaubt besser informiert zu sein als die Journalisten, die solche Aussagen verbreiten, und als die Experten, die während ihrer Auftritte mit ihren Aussagen die Politiker und damit gewissermaßen das Land anleiten. Vielleicht glaubt Wolfgang aber auch nur, dass sich die Journalisten und Politiker nicht trauen, vergangene Regeln und Aussagen zu korrigieren, entweder aus Angst vor einem Reputationsverlust oder, da sie dafür an den Pranger gestellt werden könnten, wenn daraus Probleme resultierten. Zudem wäre es revolutionär, diese Probleme auf die eigene Kappe zu nehmen, da die Schuld gegenwärtiger Probleme zumindest auf mehreren Rücken verteilt werden kann.

Vor einigen Monaten habe ich das Buch „Alternative Wirklichkeiten“ von Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers (2019) gelesen. Der Inhalt wird am besten durch den zugehörigen Untertitel beschrieben: „Wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren und warum sie Aktualität haben“. Das Buch ist für alle Studenten der Universität Regensburg kostenfrei als PDF 1https://www.regensburger-katalog.de/TouchPoint/singleHit.do?methodToCall=showHit&curPos=1&identifier=2_SOLR_SERVER_736787893 erhältlich. Dabei sind mir einige Passagen aufgefallen, von denen ich zwei kurz ansprechen möchte. Ich glaube, darin einige Ursachen für die häufig schnell auftretende Emotionalität in der Diskussion gefunden zu haben.

Als erstes möchte ich mich mit der kognitiven Dissonanz beschäftigen. Im Buch wird sie wie folgt definiert: „Den Kern der Dissonanztheorie bildet die Annahme, dass einander widersprechende Kognitionen oder nicht zueinander passende Kognitionen und Verhaltensweisen einen unangenehmen motivationalen Zustand (= Dissonanz) und eine gewisse Spannung hervorrufen. Somit wird davon ausgegangen, dass nach einer Entscheidung bevorzugt Informationen ausgewählt werden, die eine getroffene Entscheidung als richtig erscheinen lassen, und dass gegenteilige Informationen ›abgewehrt‹ oder nicht beachtet werden. (Wirtz 2017: 900)“.
Diese Aussage scheint mir schlüssig. Ich denke, die wenigsten ändern gerne ihre Meinung zu einem Sachverhalt, da sie sich dann eingestehen müssten, dass sie falsch lagen. Um die aufkommende Dissonanz zu vermeiden werden dann nicht-rationale Entscheidungen getroffen.

Laut dieser Theorie hören die betroffenen Menschen also fast nur, was sie hören wollen, weil etwas ihrem Weltbild Widerstrebendes ebendiese kognitive Dissonanz hervorruft, was in einer Debatte wiederum zu Ignoranz und damit zu Emotionalität führt: „Du hörst mir nicht zu!“, „Das ist eine Verschwörungstheorie!“, „Du interessierst dich eh nicht für das was ich zu sagen habe.“ usw.
Ein besonderer Aspekt der Dissonanztheorie ist, dass man Argumente, die das eigene Fehlverhalten tragen, stärker gewichtet, obwohl sie bei einer objektiven Beurteilung der Situation nicht als wichtig betrachtet werden würden. Als Beispiel hierfür wird oft ein Raucher angeführt, dem die Schädlichkeit seiner Sucht eigentlich klar sein sollte, der sich jedoch selbst einredet, dass die Entspannung beim Rauchen gut für seine Gesundheit ist, was sein eigenes Fehlverhalten erträglicher macht oder womit dieses sogar als positiv empfunden wird. Ein vergleichbares Beispiel ist der recht starre Blick auf die „bestätigten Neuinfektionen“, obwohl diese primär nichts mit einem gesundheitlichen Notstand zu tun haben. Bei einem solch versteiften Blick hätten wir wohl auch einen Notstand aufgrund von Fußpilz. Die Regierungen beziehen sich jedoch trotzdem regelmäßig darauf, um die Gefährlichkeit der Situation zu bestätigen und damit ihr Handeln zu rechtfertigen, obwohl bei objektiver Betrachtung der Blick auf die belegten Krankenhausbetten wesentlich wichtiger wäre. In gewisser Weise scheinen also große Teile der Regierung unter kognitiver Dissonanz zu leiden.

Ein weiteres Mittel zur Verminderung von Dissonanzzuständen sind Echokammern und Filterblasen, in denen, nach meiner Auffassung, jeder Mensch steckt. Dadurch entsteht eine selektive Wahrnehmung. Kurz zusammengefasst beschreibt eine Filterblase, dass durch Algorithmen, welche unsere Vorlieben kennen, unsere Suchanfragen und Vorschläge so aussortiert werden, dass wir immer wieder auf die gleiche Meinung stoßen und damit eine ausgewogene Einschätzung der Situation nicht möglich ist. Die Echokammer entsteht dann, wenn sich Menschen in bestimmte Foren oder Chats begeben und deshalb immer wieder ihre eigene Meinung hören und sich dadurch ein unvollständiges Bild verfestigt. Man fühlt sich mit der Zeit wohler mit der Meinung, welche man sich bereits anfänglich zu eigen gemacht hat.

Einen weiteren Grund für die Eskalation sehe ich in der Moralisierung der Diskussion. Oft entsteht der Eindruck, dass die Gesprächsteilnehmer völlig unterschiedliche Wertevorstellungen haben. Dabei stehen sich Freiheit und Sicherheit als Leitgedanken gegenüber. Die Ursache hierfür kann Angst sein. Karl hält an den Grundgedanken der Solidarität und der Sicherheit fest. Für ihn steht der Schutz des Lebens an erster Stelle. Aus seiner Sicht ist der Staat dazu verpflichtet, seine Bürger vor sich selbst und insbesondere vor dem unverantwortlichen Verhalten anderer zu schützen. Gedanken wie „Lieber trage ich eine Maske, als dass wegen meiner Bequemlichkeit jemand stirbt.“ sind für ihn entscheidend. Selbstverständlich erwartet er ein entsprechendes Verhalten von allen Mitmenschen, da für ihn der Schutz des Lebens an erster Stelle steht. Jeder, der sich dem verweigert, handelt für ihn menschenverachtend und egoistisch, da die Maske hauptsächlich andere schützen soll. Karl ist überzeugt: Wer die Maske nicht trägt und sich nicht an Sicherheitsabstände hält, greift in die Freiheit und Sicherheit seiner Mitmenschen ein. Er glaubt, dass die persönliche Freiheit des einen da aufhört, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wolfgang hingegen sieht das ganz anders. Für ihn ist entscheidend, dass das Leben schon immer Risiken mit sich trägt und aus seiner Sicht ist wahrscheinlich aktuell kein außergewöhnliches Risiko vorhanden. Deshalb gibt es für ihn keinen Grund dafür sich anders zu verhalten als vor der Pandemie. Wolfgang begreift außerdem nicht, ab wann eine Situation so gefährlich ist, dass der Staat verordnen muss, wie man seinen kompletten Alltag zu bestreiten hat. Man könne sich ja selbst schützen, wenn man will. Daneben ist jedoch vorstellbar, dass Wolfgang glaubt, die Gefahr einer androhenden Diktatur erkannt zu haben. Schließlich greife der Staat immer weiter in die Freiheiten der Menschen ein. Für ihn ist es nicht zu verantworten, dass jemand das Treffen von Menschen verbietet, die kein Interesse am Schutz vor Corona haben. Sein Leitsatz ist: „Wer die Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird am Schluss beides verlieren.“ Karls Grundgedanke über den Schutz des Menschenlebens fühlt sich für Wolfgang an wie ein Totschlagargument. Ich glaube, dass beide Grundgedanken unter anderem von Angst getrieben sein können. Die unterschiedlichen Ursachen der Furcht führen zu einer Spaltung, da der jeweils andere als Risiko für das eigene Leben wahrgenommen wird. Karl sieht Wolfgang als Gesundheitsrisiko, da er sich nicht verantwortungsbewusst verhalte und somit die Verbreitung des Virus weiter vorantreibe. Wolfgang sieht Karl als Gefährdung, da er mit seinem Verhalten eine vermeintlich aufkommende Diktatur unterstützt. Bei ruhiger Betrachtung könnten sich wahrscheinlich beide auf einem gemeinsamen moralischen Nenner wiederfinden, was sich wiederum deeskalierend auf eine Diskussion auswirken würde.

Die Art und Weise, wie die Diskussion auf beiden Seiten geführt wird, betrachte ich als ein großes Problem. Beide Lager nehmen für sich die Wahrheit in Anspruch, was eine ergebnisoffene Diskussion von vornherein ausschließt. Somit entstehen primär Wut und ein Gefühl des Nicht-ernst-genommen-Werdens aller Beteiligten, was wiederum eine Spaltung beider Lager bezweckt. Wolfgang fühlt sich schlecht und glaubt, dass man ihn mit Absicht einfach lächerlich macht. Für eben dieses Verhalten sucht Wolfgang anschließend eine Erklärung. Dies verstärkt Wolfgang in seiner Überzeugung einer Verschwörung. Genauso fühlt sich Karl übergangen und nicht ernst genommen. Auch er glaubt, die richtigen Informationen zu haben und fühlt sich in seinem Weltbild angegriffen. Beide finden sich in einer Verteidigungshaltung wieder und versuchen damit ihre jeweilige kognitive Dissonanz zu reduzieren.

Für mich persönlich sind das die auffälligsten Gründe, wieso Diskussionen immer wieder so ähnlich enden, wie es zum Beispiel von Marie Freymann 2https://mitdenken.ur.de/2020/10/01/bereitschaft-debatte-erfahrungsbericht/ beschrieben worden ist: „Ich erlebe, wie enge Freundschaften einen Knacks bekommen. Menschen, mit denen ich vor und auch noch am Anfang der Krise gut debattieren konnte, haben jetzt keine Lust mehr auf Debatte. Selbst wenn man in früheren Diskussionen nicht einer Meinung war, änderte das bislang nichts an der gegenseitigen Wertschätzung. Bei den Corona Maßnahmen ist das anders. Ist man nicht einer Meinung, entfernt man sich voneinander.“

Letztendlich möchte ich mit diesem Text bewirken, dass sich mehr Menschen um die Phänomene der kognitiven Dissonanz und der selektiven Wahrnehmung im Klaren sind und diese nicht nur als ein Problem von Verschwörungstheoretikern angesehen werden, sondern als Herausforderung für alle Menschen. Ich hoffe, dass sich durch meine Gedanken die Leser wieder mehr für Gespräche öffnen, auch wenn die meisten einfach nur noch genervt von der Situation sind.

 

 

 

5 Kommentare zu „Wieso ist das Gespräch über Corona oft so emotional? Der psychologische Erklärungsversuch eines Physikstudenten.

  1. Interessanter Erklärungsansatz.
    Der Anreiz, kognitive Dissonanz mit selektiver Wahrnehmung zu reduzieren ist bewusst oder unterbewusst sicherlich immer vorhanden.
    Das sollte mitbedacht werden.
    Doch bei wem scheint mir die Gefahr, sich in eine Filterblase oder Echolammer zurückzuziehen, größer zu sein: Bei Karl oder bei Wolfgang?
    Oder anders gefragt: Warum gibt es in den Corona-Diskussionen – gefühlt – verhältnismäßig so viele Karls und so wenige Wolfgangs?

    1. Doch bei wem scheint mir die Gefahr, sich in eine Filterblase oder Echokammer zurückzuziehen, größer zu sein: Bei Karl oder bei Wolfgang?
      Oder anders gefragt: Warum gibt es in den Corona-Diskussionen – gefühlt – verhältnismäßig so viele Karls und so wenige Wolfgangs?

      Sehr gute Fragen.
      Da müsste man jetzt ziemlich tief einsteigen, mit Sicherheit gibt es darauf viele wissenschaftliche Antworten, einige davon haben mit evolutionär bedingtem Gruppenverhalten zu tun.
      Auch in dem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Kahnemann findet man Hinweise, wie Menschen Informationen verarbeiten.
      Frage 1:
      Die Gefahr sich in eine Filterblase oder Echokammer zurückzuziehen, sehe ich bei Karl und Wolfgang gleich groß.
      Denn wenn ein Mensch sich einmal für eine Haltung oder ein Weltbild entschieden hat, legen Studien nahe, dass es für ihn sehr schwer ist, diese Haltung wieder zu verändern.
      Wie schon oben erwähnt, ist es mit guten Gefühlen verbunden, seine Meinung immer wieder zu bestätigen.
      Darüberhinaus befinden wir uns mit unseren Weltbildern in der Regel in Gruppen und es ist ebenfalls durch Studien belegt, dass Menschen nicht mehr bereit und teilweise auch nicht mehr in der Lage sind, Informationen aufzunehmen, die den Überzeugungen der eigenen Gruppe widersprechen und den eigenen Status gefährden könnten.
      Das geht soweit, dass Probanden ihren eigenen Sinneswahrnehmungen nicht mehr trauen oder diese verleugnen.
      Samuel schreibt, dass die Mitglieder beider Gruppen aus Angst handeln, dass sie aber vor verschiedenen Dingen Angst haben. Wahrscheinlich haben sogar beide grundsätzlich vor den gleichen Dingen Angst, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung.
      Damit gehe ich zur 2ten Frage.
      Ich möchte und kann jetzt gerade nicht lange recherchieren, sondern antworte mal mit dem, was ich aus verschiedenen Büchern, aber auch aus eigener Erfahrung behalten habe.
      Zum einen haben die Medien mit allen Mitteln der Propaganda Ängste heraufbeschworen. Ich schreibe bewusst mit den „Mitteln der Propaganda“, da ich niemandem unterstellen möchte, tatsächlich bewusst Propaganda angestrebt zu haben.
      Wie diese Mittel aussehen, kann man unter anderem bei Chomsky und auch Kahnemann nachlesen. Grob gesagt verwendet und präsentiert man Bilder, Texte, Grafiken etc. auf eine bestimmte Art und Weise, die in erster Linie das Gefühl ansprechen, beziehungsweise bestimmte Gefühle hervorrufen, diese dann verstärken und festigen.
      Einige dieser Präsentationsmethoden wirken sehr stark auf das Unterbewusstsein.
      Auch ist es belegt, dass die bloße Häufigkeit mit der unser Gehirn eine Information aufnimmt, dazu führt, dass wir diese als wahr abspeichern.
      Darauf folgt das Emotional Reasoning, d.h. Erfahrungen und Informationen, die „gefühlten Wahrheiten“ widersprechen, werden nicht wahrgenommen.
      Ich denke, die Wucht der medialen Darstellungen von Corona, hat auch bei Wolfgang, zumindest am Anfang, Ängste oder eine große Verunsicherung bezüglich seiner Sicherheit und der Sicherheit seiner Angehörigen hervorgerufen.
      Ab diesem Punkt jedoch, entscheiden unterschiedliche individuelle Voraussetzungen über das weitere Vorgehen in der Krise.
      Ein Grund könnte die individuell unterschiedliche Bereitschaft sein, kognitive Probleme zu bearbeiten.
      Kahnemann unterscheidet das schnelle Denken, ausgeführt durch das von ihm so genannte Denk-System 1, von dem langsamen Denken des Denk-Systems 2.
      System 1 regelt für uns, evtl. unter Zeitdruck und mit begrenztem Wissen, schnelle, oft lebensnotwendige Entscheidungen. Es beruht auf Emotionen die automatisch entstehen.
      System 2 kann System 1 kontrollieren und „springt an“ wenn man ein komplexeres Problem hat oder Aufgaben lösen muss, die Konzentration und Reflexion benötigen.
      Dieses System 2 verbraucht viel Energie und setzt die Bereitschaft voraus, sich mit komplizierten, zeitraubenden und eventuell unbequemen Denkvorgängen zu belasten
      Vereinfacht:
      Jemand der in der Corona-Krise auf „Nummer sicher“ gehen möchte, sich mit seiner Haltung zu Corona in seinem sozialen Umfeld gut eingebettet fühlt und auch „keinen Sinn“ darin sieht, die aktuelle Situation zu hinterfragen, da ihm der Verlust persönlicher Freiheiten weniger „wehtut“ als der Verlust persönlicher Sicherheit, wird kaum System 2 „anwerfen“ um mit hohem Zeit-und Energieeinsatz Informationen zu hinterfragen, die seinem Sicherheitsgefühl und seinem Status in seiner Gruppe entgegenlaufen.
      Die Folge, eventuell individuelle Verantwortung, mit allen bestehenden Unsicherheiten tragen zu müssen und eine starke Konfrontation mit dem gewohnten sozialen Umfeld zu riskieren, ist nicht besonders attraktiv.
      Studien legen auch nahe, dass der überwiegende Anteil der Menschheit grundsätzlich ungern System 2 nutzt. Einfach aus dem Grunde, weil es sehr viel Energie in Form von Glucose verbraucht, die in unserer Entwicklungsgeschichte oft Mangelware war.
      Darüberhinaus war das schnelle System 1 der Garant, in der überwiegenden Anzahl der damals gefährlichen Bedrohungen die richtige Entscheidung zu treffen und hat damit unser Überleben gesichert.
      So gesehen ist eine gewisse „Faulheit“ (Kahnemann) von System 2 sinnvoll.
      Über Wolfgangs Beweggründe muss man zum Teil spekulieren.
      Es könnte sein, dass er sowieso schon in einem Umfeld lebt, welches sich durch häufigen Widerspruch gegen herrschende Meinungen und den „Mainstream“ definiert und dadurch kaum ein Risiko eingeht, wenn er Informationen sucht, verarbeitet und wiedergibt, die der täglichen Medienflut zum Thema Corona entgegenlaufen.
      Diese Neigung zum Widerspruch gegen eine als mächtig empfundene Gruppe kann anerzogen sein, kann aber auch auf der Erfahrung beruhen, dass es durchaus individuell, aber auch für die Gruppe sinnvoll sein kann, Regeln und Gebote zu hinterfragen, wenn man sie als wirkungslos oder sogar als gefährlich empfindet.
      Vielleicht gehört Wolfgang aber auch zu der kleineren Gruppe von Menschen, die von Natur aus eine gewisse Distanz einer zu großen menschlichen Nähe vorziehen und er deshalb auch harte, trennende Konflikte weniger scheut, oder diese auch nutzt, um einen Abstand herzustellen.
      Er ist weniger abhängig von „Nestwärme“. Solche Menschen nehmen ihre Umwelt häufig verkopft, analytischer und weniger „gefühlig“ wahr.
      Ich habe in den letzten zwölf Jahren selbst mit Gruppen von Jungerwachsenen ca. 70 x einen Persönlichkeitstest durchgeführt, der ausnahmslos ergab, dass der deutlich größere Anteil der Probanden Kompromisse und Abstriche in ihren Zielen in Kauf nahm, wenn die Alternative in einer starken Konfrontation oder einem Verlassen der Gruppe bestand.
      Ein kleinerer Teil nahm dieses Risiko in Kauf.
      Die beiden beschriebenen Gruppen lieben ihre Unabhängigkeit und fürchten Vereinnahmung und ein „Untergehen“ in der Masse.
      Sobald dieses droht, könnte das ein Auslöser sein, diese Bedrohung massiv zu hinterfragen und die eigene Freiheit zu verteidigen.

      So, ich hoffe ich habe das jetzt hinbekommen ohne zu viel Wertung in meine Überlegungen zu legen.
      Tatsächlich ist es ja so, dass wir hier wirklich nur von der Bevölkerung sprechen.
      Durch die beobachtete „Filterung“ durch die Medien, fällt es mir schwer zu beurteilen, wie das Verhältnis der Karls und Wolfgangs unter den Wissenschaftlern aussieht, die sich tatsächlich in ihrer Arbeit mit Corona beschäftigen.
      Bei diesen sollte man hoffen, dass sie ihre Haltungen deutlich unabhängiger bilden können und sich der bestehenden „Fallen“ bewusst sind.

    2. Sollte es dann nicht auch kognitive Dissonanz auslösen, wenn man auf Demonstrationen geht, auf denen ein nicht zu vernachlässigbarer Teil an Menschen definitiv rechtsextremes Gedankengut zum Ausdruck bringt? Diese Leute wollen liebend gerne in eine Diktatur zurück, die vom Rest der „Coronaleugner“ dramatisch befürchtet wird. Ich sehe nicht, wie man diese Dissonanz auflösen kann, wenn man im Kommentar genannte moralische Grundwerte als Basis nimmt.

  2. Wie kommen wir von einer emotionalisierten Diskussion zu einer sachlichen ? Mein Weg ist, von meiner eigenen Erfahrung auszugehen. Z.B. Corona ein ,,Killervirus“ ? In meinem Bekanntenkreis von etwa 200 Menschen musste seit März nur 1 Person , die zudem eine weitere Erkrankung hatte, wegen Covid 19 ins Krankenhaus….Oder: Ist der lockdown schlimmer als die Krankheit selber? Nach dem 1.lockdown stellten die Pflegedienst plötzlich ihre Leistungen ein, schwerbehinderte Betreute (ich bin gerichtlich bestellter Berufsbetreuer) riefen mich an, Hilfe! Hunger! Niemand kauft für mich ein ! Oder: Ein krebskranker Betreuter wurde in der Notaufnahme abgewiesen, sorry, das Krankenhaus werde eben auf Corona-Pandemie umgestellt. Er starb 2 Wochen später unter erbärmlichen Umständen, da seine Palliativ-Bestrahlung hinausgeschoben wurde….Oderoder….
    Klar lese ich daneben die Massenmedien, und ich lese die ,alternativen‘ Medien im Netz. Und dann vergleiche ich das mit meinen eigenen Erfahrungen. So komme ich der Wirklichkeit am nächsten.

  3. Nachtrag
    Meine Hoffnung war ja:
    „Bei Wissenschaftlern sollte man hoffen, dass sie ihre Haltungen deutlich unabhängiger bilden können und sich der bestehenden „Fallen“ bewusst sind.“
    Ich habe dazu noch mal recherchiert:
    Es gibt Untersuchungen, die in dieser Richtung wenig Hoffnung machen.
    Zum einen sind intelligentere Menschen überraschenderweise weniger gut in der Lage, ihre eigenen kognitiven Verzerrungen zu erkennen. (West, Meserve, Stanovich, 2012)
    Zum anderen sind auch Wissenschaftler nicht unabhängig von ihrem Umfeld: Menschen nutzen in der Regel ihre kognitiven Kapazitäten nicht, um der Wahrheit näher zu kommen, sondern um Fakten bestmöglich im Sinne ihrer Gruppenidentitäten zu interpretieren. (Wolfram, Urban, Tezak, Kurzbuch, 2020)
    Zumindest bei den prominenten, in den Medien häufig zitierten Wissenschaftlern oder Politikern beider Lager, wäre es wohl auch zuviel erwartet anzunehmen, diese könnten nochmal eigene, laut postulierte Bewertungen der Lage korrigieren oder gar die Seiten wechseln. Dazu haben diese Personen wahrscheinlich einfach schon zu viel investiert und zu viel zu verlieren.

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